Donnerstag, 19. März 2026

„Bürokratiemonster“ und „Mehrebenensystem“: Narrative der Europäischen Union in deutschen Medien

1. Einleitung

Aktuelle Daten aus Umfragen zeigen, dass die EU trotz anhaltender Krisen, wie dem Ukrainekrieg, der Energie- sowie der Migrationskrise, immer noch eine sehr stabile Zustimmung innerhalb ihrer Bevölkerung erhält (Sandor & Kollen, 2026). Fast die Hälfte (49%) der EU-Bürgerinnen und Bürger haben ein „insgesamt positives“ Bild von der EU. Hier gegenüber stehen lediglich 17% mit einem negativen Bild. Noch deutlicher wird die Zustimmung in Sachen EU-Mitgliedschaft, hier sehen 62% die Mitgliedschaft ihres Landes als eine „gute Sache“. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, das zeigt die Erhebung außerdem, genießt die EU sogar ein höheres Vertrauen als die nationale Regierung. So erreicht die Regierung Merz im Schnitt 3,7 von 10 möglichen Punkten auf der Skala in dieser Kategorie, während die Europäische Union 4,5 Punkte erhält.

Auch wenn die Europäische Union diese Zustimmung medial als Sieg wertet, muss dieser vermeintliche Triumph kritisch betrachtet werden. Eine grundlegende Zustimmung ist nicht mit einer bedingungslosen Treue zu verwechseln. So liegt Deutschland zwar im EU-Durchschnitt, was Vertrauen angeht, aber der absolute Blickwinkel verrät, dass 4,5 von 10 Punkten wahrlich nicht uneingeschränkt ist. Zustimmung ist nicht die Abwesenheit von Kritik. Außerdem schwankt je nach Politikfeld die Zustimmung respektive Ablehnung. Eine positive Grundhaltung zum gesamteuropäischen Projekt schließt kritische Auseinandersetzung nicht aus, sondern, im Gegenteil, beinhaltet sie. Fragen nach der Identifizierung von Defiziten und der generelle Diskurs über mögliche Verbesserungen prägt die öffentliche Wahrnehmung.

Dabei ist die öffentliche Wahrnehmung grundlegend für die Legitimation einer Regierung, auch wenn diese international agiert. Dieter Grimm (2022) spricht mit seinem Befund von einer „national fragmentierten“ Öffentlichkeit einen entscheidenden Aspekt in der Europäischen Union an: Während Entscheidungen supranational getroffen werden, ist die Berichterstattung auf die einzelnen Mitgliedstaaten aufgeteilt. Das Sprachrohr zwischen Regierenden und Regierten ist fragmentiert. Damit erschwert sich nicht nur eine gemeinsame Berichterstattung, sondern diese Tatsache nimmt auch Einfluss auf die Gesamtwahrnehmung der Europäischen Union. Genau die Untersuchung dieser Berichterstattung ist Ziel und zentrales Element dieser Arbeit. Dabei konzentriert sich die Arbeit zunächst auf den politikwissenschaftlichen Hintergrund, ehe sie sich mit deutschen Leitmedien auseinandersetzt und ihre Narrative ausmacht. Anschließend wird mit einer theoretischen Rückbettung verglichen, ehe das Fazit gezogen wird. Dabei wird argumentiert, dass die Berichterstattung sich durch einheitliche politische Bewertungen oder vielmehr durch unterschiedliche journalistische Logiken unterscheidet. Grundlegend ist die Frage: Welche Narrative über die Europäische Union werden in ausgewählten deutschen Medien konstruiert und wie stehen sie zu politikwissenschaftlichen Beschreibungen?

2. Der politikwissenschaftliche Hintergrund

2.1 Die Europäische Union als politisches System

Ohne einen zu tiefgreifenden Aufriss der europäischen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg zu riskieren, muss dennoch ein Blick auf die Geschichte oder zumindest die ursprünglichen Grundaspekte der europäischen Integration geworfen werden. Aus diesen Grundgedanken, aus denen später die Europäische Union hervorging, lassen sich durchaus Muster und Konzepte herauskristallisieren, die auch über 60 Jahre später die Integration und das Wesen der EU leiten. Werner Weidenfeld (2021) beschreibt den Integrationsprozess direkt nach dem Kriegsende nicht als „hehren Selbstzweck“, sondern als „Ausdruck interessengeleiteter Politik“. Dabei macht Weidenfeld fünf Motive der europäischen Integration aus:

  • Der Wunsch nach neuem Selbstverständnis: Nach den nationalistischen Regierungen sollte dem neuen Europa die Demokratie als Gemeinschaft zugrunde liegen.
  • Der Wunsch nach Frieden und Sicherheit: Ein geeintes Europa sollte nicht nur innerhalb der eigenen Grenzen für Frieden sorgen, sondern auch vor der Gefahr einer kommunistischen Expansion schützen.
  • Der Wunsch nach Freiheit und Mobilität: Hier wird der Abbau der Grenzen und die Erleichterung des Güter-, Personen- und Kapitalverkehrs beschrieben, die vor dem Krieg deutlich erschwert wurde.
  • Die Hoffnung auf wirtschaftlichen Wohlstand: Ein vereinigtes Europa sollte auch für wirtschaftliche Stabilität und damit verbundenen Erfolg sorgen. Der gemeinsame Markt sollte für Effizienz sorgen.
  • Die Erwartung gemeinsamer Macht: Nach dem Einbüßen ihrer internationalen Macht wollten die westeuropäischen Staaten diese Macht besonders in Hinblick auf die Supermächte USA und UdSSR zumindest teilweise zurückgewinnen.

Diese Leitmotive prägen immer noch in der Gegenwart und sind zentral für die europäische Integration und legen die Grundlage für das politische System sowie die institutionelle Struktur der Europäischen Union. Durch die Teilintegration zahlreicher Bereiche vermischten sich Belange und Zuständigkeiten, neue Bedürfnisse entstanden und mussten ebenfalls reguliert werden. Dieser sogenannte „spill over-Effekt“ ist grundlegend für die Komplexität der Institutionen und dem politischen System, das sich aus diesen Integrationsmotiven entwickelt hat.

Was in der Literatur wie bei Mann (2009) als „system sui generis“, zu Deutsch ein System seiner eigenen Gattung, bezeichnet wird, beschreibt das Dasein der EU als eine Art Mischform. So wie das Schnabeltier Merkmale eines Säugetiers sowie eines Reptils aufweist, erfüllt die EU Teilaspekte von internationalen Organisationen, jedoch auch gleichzeitig Elemente nationaler politischer Systeme (Staaten). Es ist die Kombination von supranationalen und intergouvernementalen Elementen. Mitgliedstaaten behalten ihre eigenen, zentralen Kompetenzen, müssen sich jedoch zeitgleich europäischen Institutionen wie der Europäischen Kommission, dem Europäischen Parlament oder dem Rat der Europäischen Union unterordnen (Weidenfeld, 2021).

Diese zahlreiche Auf- und Verteilung von Handlungskompetenzen verschwimmt zu einem Mehrebenenmodell, da auf europäischer, nationaler und sogar in Teilen regionaler Ebene Entscheidungen getroffen werden (Jachtenfuchs, 2003). Klar wird: durch die Vielschichtigkeit der Handlungskompetenzen sowie der zahlreichen Vermischung der Zuständigkeiten zwischen regionaler, nationaler und europäischer Ebene sowie dem Dasein als „system sui generis“ oder „Schnabeltier“ wirkt die Europäische Union qua ihrer Natur komplex. Diese über Jahrzehnte verfochtene Struktur adäquat aufzuschlüsseln und jeweils ereignisorientiert darzustellen, ist unmöglich. Auch deshalb wirkt die EU für die breite Öffentlichkeit oft schwer verständlich und zieht unmittelbar die Frage nach Legitimität mit sich.

2.2 Demokratiedefizit durch Komplexität

Es bleibt also festzuhalten, dass die Europäische Union selbst durch die Politikwissenschaft nicht eindeutig kategorisiert werden konnte, und die Neuschöpfung eines Begriffs forderte, dem „system sui generis“. Was die Politikwissenschaft schon vor eine Herausforderung stellte, ist für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger noch vielfach komplexer. Die EU wird zu einem nicht greifbaren, entfernten Komplex. Besonders die technokratischen Elemente und der fehlende demokratische Wettbewerb des „Schnabeltiers“ sorgen für wenig Transparenz und lassen die Entscheidungen ebenfalls komplex erscheinen (Føllesdal & Hix, 2006).

Andrew Moravsik (2002) bestreitet ein Demokratiedefizit insofern, als indirekte Legitimierung normal für internationale Organisationen sei und die EU durch die demokratisch gewählten Regierungen, die wiederum in der EU demokratisch abstimmen, ausreichend legitimiert sei. Einig ist man sich über eine indirekte Legitimation, nicht aber über die Frage, ob diese Legitimation ausreicht. Hix & Høyland (2011) betonen die dominante Rolle der exekutiven Elemente wie dem Europäischen Rat, und auch Vauchez (2017) schlägt einen ähnlichen Weg der Argumentation ein, wenn er über ein „Europa der Unabhängigen“ schreibt. Für den Bürger erschwert diese Technokratie die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und erhöht die Distanz zur Politik: das macht die Identifizierung und den Vertrauensgewinn in die EU schwer.

Dieser komplizierte Sachverhalt ist jedoch nur die eine Perspektive des Defizits. Erschwerend hinzu kommt der Befund der fehlenden Öffentlichkeit. Ein entscheidender Teil der Identifikation und dem Vertrauen in die EU ist die öffentliche Wahrnehmung. Können sich Bürgerinnen und Bürger nicht mit dem System identifizieren, erschwert das die Bedingungen für eine politische Identität, die sich durch die gesamte europäische Integration zieht (Haltern, 2025). Um die bereits erwähnten Rufe nach einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit (Grimm, 2022) zu manifestieren, bedarf es einer gemeinsamen europäischen Medienwelt. Schlussendlich obliegt es nämlich auch diesen Akteuren, dem EU-Bürger das Handeln in Brüssel zu vermitteln.

2.3. Die benötigte europäische Öffentlichkeit

Der kritische Befund Grimms (2022) beginnt bei der Wurzel der Demokratie: den Wahlen. Diese finden in der Europäischen Union alle fünf Jahre statt. Jedoch erhält hier schon die Glaubwürdigkeit einen Knacks: Bürgerinnen und Bürger wählen nationale Parteien, die sich dann erst zu europäischen Fraktionen zusammenschließen. Dabei leidet vor allem die Repräsentationsfähigkeit des Parlaments, das – anders als das in nationalen Parlamenten der Fall ist – nicht seiner Aufgabe gerecht werden kann, zwischen politischen Institutionen und Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln, selbst wenn es starke europäische Parteien gäbe. Denn der öffentliche Diskurs, der in nationalen Demokratien herrscht, ist nicht auf die Europäische Union und ihre Nationen übertragbar, weil es keinen europäischen Diskurs gibt. Dieser wird zwar durch Medien in den Nationen diskutiert, allerdings nur fragmentiert innerhalb der Staaten. Maßgeblich bei der Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit ist die Rolle der Medien, die insbesondere in Zeiten von rasantem Wachstum sozialer Netzwerke durch ihre Standards und ihre Etablierung nachhaltige Narrative über europäische Politik schaffen können und prägen. Die Identifizierung und Untersuchung dieser Narrative nimmt diese Arbeit vor. Dabei konzentriert sie sich insbesondere auf die deutsche Medienlandschaft. 

3. Methodik

Ziel der Analyse ist es, wiederkehrende Deutungsmuster in der medialen Darstellung der Europäischen Union zu identifizieren. Hierzu wird eine vergleichende Analyse von insgesamt 11 Artikeln in Bild.de, Faz.net und Sueddeutsche.de, durchgeführt. Dabei ist die Bewertung der einzelnen Artikel nicht zentral, sondern die Identifikation und Rekonstruktion struktureller Narrative, die sich durch die Berichterstattung ziehen.

Bei der konkreten Auswahl der Artikel ist es wichtig, das in den Medien vorhandene Spektrum zu übernehmen und möglichst mediengetreu nachzustellen. Ziel der Analyse ist es, die Wahrnehmung der Europäischen Union zu verstehen, die das jeweilige Medium an die EU-Bürgerinnen und -Bürger vermittelt. Dabei sind Agenturmeldungen, die meist kommentarlos übernommen werden, ungeeignet. Meinungsbeiträge, Kommentare, Analysen und insbesondere Leitartikel sind Gegenstand der Untersuchung, da diese maßgeblich für die jeweiligen Medien sind. Relevant ist hier ebenfalls die Vielseitigkeit der Artikel: so sind Leitartikel in der Regel für ein breiteres Publikum vorgesehen als beispielsweise Kommentare oder Analysen.

Auch auf inhaltlicher Ebene muss gefiltert werden. So sind insbesondere kontroverse Themen geeignet, die aufgrund ihrer Tragweite relevant sind und deshalb adäquate Berichterstattung aufseiten der Medien erfordern. Zudem gilt es nicht, Inhalte oder Darstellung zu kritisieren, sondern vielmehr Deutungsmuster zu destillieren, Muster zu erkennen und Narrative festzumachen, die die ausgewählten Medien erschaffen. Einbezogen wurden ausschließlich Beiträge, die der Europäischen Union die Handlungsfähigkeit als politischer Akteur zuschreibt. So wird sichergestellt, dass die Texte wirklich Narrative über die Europäische Union verbreiten.

Die Auswertung erfolgt anhand zentraler Analysekategorien, die sowohl theoriegeleitet als auch aus dem Material entwickelt wurden. Hierzu zählt die Zuschreibung von Verantwortung, die Bewertung institutioneller Komplexität und die Darstellung des Verhältnisses zwischen EU und Bevölkerung. Hieraus werden wiederkehrende Narrative analysiert und verglichen. Methodisch orientiert sich die Untersuchung an einer qualitativen Inhaltsanalyse mit narrativem Fokus.

4. Narrativanalyse

Die vorherigen Ausführen haben bereits gezeigt, welche wichtige Rolle Medien in der Verankerung von politischen Systemen und somit auch der EU innehaben (Haltern, 2025). Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass gewisse Narrative entstehen, um die Berichterstattung zu vereinfachen und den Lesenden an das Medium zu binden. Bevor die Analyse tiefgreifender wird, sind hier einige erste Beobachtungen sowie Auffälligkeiten festgehalten:

  • Die Berichterstattung der Bild folgt einem stark emotionalisierenden Deutungsmuster, in dem Sachverhalte zugespitzt und Personen Verantwortungen zugeschrieben werden. Die Reduktion komplexer politischer Prozesse und die wertende Sprache verfestigt das Bild.
  • Außerdem ist bemerkenswert, dass die Europäische Union häufig als handelnder Akteur personifiziert wird. Instanzen werden am Rande erwähnt, die EU scheint einheitlich zu handeln. Dabei wird vor allem bei der Bild oftmals eine Politikerin bzw. ein Politiker mit der jeweiligen Neuigkeit verknüpft, was – zumindest auf den ersten Blick – wie eine subtile Schuldzuschreibung wirkt.
  • Bürokratie ist ein zentrales Element der Berichterstattung. Oft wird auf Distanz verwiesen, die zwischen „Brüssel“ und dem Alltag, in dem die Verordnung wirkt, besteht, die beispielsweise der fiktive Herr Meier in seiner Gaststätte in Hannover umsetzen muss.

Ob und inwiefern diese ersten Eindrücke zutreffen, zeigt die konkrete Analyse und Auseinandersetzung mit Artikeln der ausgewählten Medien. Dabei beginnt die Untersuchung mit einem zentralen Aspekt der EU-Berichterstattung, dem Faktor Bürokratie.

4.1 Die Europäische Union und ihre Bürokratie

Das Bürokratienarrativ hängt schon lange mit der Europäischen Union zusammen und ist in den analysierten Artikeln zentral. Dabei sind vor allem Artikel der Bild zentral für die Untersuchung. Bei den hier untersuchten Artikeln handelt es sich um einen Kommentar von Albert Link („Es reicht mit ‚gut gemeint‘, EU!“) sowie regulären Beiträgen von Auermann („EU bringt 2025 insgesamt 1456 neue Gesetze auf den Weg“) und Loevenich („Sinnlos-Papierkram statt Arbeit: Bürokratie treibt unsere Handwerker in den Wahnsinn“), die alle auf bild.de erschienen sind. Aus der FAZ wurde „EU-Nachhaltigkeitsregeln: Dieser Bürokratieabbau ist für die EU gefährlich“ von Geiser & Höra analysiert, aus der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Streit um Haushalt: Neun EU-Länder wenden sich gegen noch mehr Brüsseler Bürokratie“ von Diesteldorf.

Schon die unterschiedlichen Titel vermitteln einen ersten Eindruck, in welche Richtung die jeweiligen Artikel führen. Dabei sei nochmals angemerkt, dass sich die Ansprüche der jeweiligen Medien unterscheiden, so unterscheiden sich schon die Überschriften enorm. Während die Bild emotional negativ („Es reicht“, „Sinnlos-Papierkram“, Link (2025),  Loevenich (2026)) berichtet, bleiben Süddeutsche und FAZ neutral und spezifizieren sogar („Dieser Bürokratieabbau“, Geiser & Höra, 2025). Auermann (2026) verdeutlich, welches Narrativ zumindest bei Axel Springer für die EU geschaffen wird: „Gesetzes-Wahnsinn“.

Bürokratie wird als grundlegend negativ dargestellt, dabei werden die Lesenden bewusst mit großen Zahlen konfrontiert, um die Auswüchse des „Gesetzes-Wahnsinns“ zu verdeutlichen. Die „große Zahl“ soll „große Bürokratie“ belegen. Dabei wird vernachlässigt, dass es sich hier um 1456 Rechtsakte innerhalb eines ganzes Jahres – oder um bei großen Zahlen zu bleiben: 365 Tagen - handelt, keine Gesetze. Nur bei der genauen Lektüre fällt diese Feinheit auf. So sind Rechtsakte oft auch einfach kleine Details, die geändert werden müssen, wie die Europäische Kommission (2017) deklariert. Beispielsweise kann ein neues Insektenmittel für unbedenklich erklärt werden und somit für den Gebrauch in der EU freigegeben werden, was schon als Rechtsakt gilt.

Auch der Vergleich mit 2010 wirkt auf den ersten Blick verstärkend auf die enorme Bürokratie und weckt den Eindruck, dass die Bürokratie so stark wie seit fünfzehn Jahren nicht vorhanden ist. Inwiefern die aktuelle Europäische Union mit der vor fünfzehn Jahren vergleichbar ist, ist zudem fragwürdig. Zum Vergleich: das Land Baden-Württemberg hat 2025 160 Gesetzesblätter veröffentlicht. Diese beinhalten meist mehrere Anordnungen, die im EU-Kontext als Rechtsakte deklariert werden müssten. Mit der Annahme, dass circa 2-3 Rechtsakte pro Blatt verabschiedet werden, hätte allein Baden-Württemberg mit circa 2,4 % der Einwohnerzahl schon ein Drittel der Rechtsakte. Dieser Kontext rückt die bisherige Darstellung in ein anderes Licht, ebenso wie die FAZ, die sich auf eine Umfrage des Eurobarometers beruft und zeigt, dass lediglich 28% der Unternehmen Bürokratie als größtes Problem sehen, was Deutschland auf Platz 18 im EU-Vergleich hievt und das Problem „Bürokratie“ einordnet (Geiser & Höra, 2025).

Eine differenziertere Darstellung findet sich in dem Artikel von Jan Diesteldorf (2026), der zwar auch Bürokratieabbau als Ziel formuliert, aber die interne Zielsetzung von der Leyens stärker betont und den offenen Brief einiger Mitgliedsstaaten erwähnt, was die strukturellen Herausforderungen einer Organisation in dieser Größe verdeutlicht. Bürokratie ist hier nicht zwangsläufig negativ, sondern ein natürlicher Teil eines Entscheidungsapparates und Teil institutioneller Strukturen. Dabei ist auch von der Leyen selbst von großer Relevanz. Auermann (2026) erwähnt ihr Wahlversprechen und zitiert daraus, stellt dann „die Realität“ vor. Diesteldorf (2026) referiert das Gleiche, beschreibt aber die Umsetzung des Bürokratieabbaus als langwierigen Prozess, nicht als Handlung, die ohne Weiteres umgesetzt werden kann.

Der Unterschied wird klar: Bei der Bild wird von der Leyen als eine Akteurin dargestellt, deren politische Versprechen in der Berichterstattung kritisch eingeordnet werden. Bei der SZ steht der komplexe politische Prozess im Vordergrund, der andauert. Besonders die hohe Ambivalenz dieses Themas, die bei Diesteldorf (2026) abgebildet und bei Auermann (2026), Link (2025) und Loevenich (2026) exemplarisch für die Bild vereinfacht dargestellt wird wird, zeigt das Narrativ. Alle drei Medien sind sich über die Vorteile von Bürokratieabbau einig und bewerten die aktuellen Maßnahmen kritisch. Dabei konzentriert sich die Bild auf einzelne Personen wie von der Leyen und spitzt die aktuelle Lage der Bürokratie zu, während die Süddeutsche Zeitung den politischen Prozess transparent und ambivalent darstellt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zudem die Problematik dahinter durch wissenschaftliche Studien einordnet.

4.2 Die Europäische Union als elitäres Machtzentrum

Teile dieses Bürokratie-Narrativs manifestieren sich in einem zweiten großen Narrativ, das eng mit der Bürokratie verknüpft ist. Dabei handelt es sich um die Entkopplung der EU von der Bevölkerung. Inwieweit ist „Brüssel“ von der Realität entfernt?

Auch in dieser Analyse geht der Blick zuerst auf die Bild und die Artikel „EU-Mitarbeiter bekommen 7. Gehaltserhöhung in 3 Jahren“ (Hoeren, 2025a), „Zahnärzte laufen Sturm gegen EU-Bürokratie“ (Klostermann, 2024) sowie bereits behandelte Artikel. Der Vergleich mit der SZ und „Wenn grüne Ambitionen zur Bürde werden“ (Diesteldorf, 2025) sowie FAZ und „Brüssel will Europa „einfacher und schneller“ machen – aber nur ein bisschen“ (Mussler, 2025). Ein besonderer Fokus liegt hierbei weniger auf der Aktualität als auf der Darstellungsweise, die hier besonders relevant ist.

Dabei konzentriert sich die Berichterstattung auf Personen. Hoeren (2025a) echauffiert sich beispielsweise über die „siebte Gehaltserhöhung“ von Beschäftigten der EU-Institutionen („Frechheit!“) . Hören (2025b) berichtet neun Monate später über eine weitere Gehaltserhöhung und schafft das klassische Narrativ „Elite vs. Bevölkerung“. Ein entscheidendes Wort in diesem Kontext ist „Eurokraten“ (Hören, 2025a). Diese Bezeichnung für die EU-Institutionen zeigt beispielhaft, wie diese geframt werden. Im medialen Diskurs fungiert dieser Begriff wie eine Art Markierung der „Elite“, da über die semantische Ebene Begriffe wie „Plutokrat“ oder „Aristokrat“ unterschwellig mitschwingen. Weder bei der FAZ noch der SZ ist eine vergleichbare Berichterstattung zu diesem Thema zu finden.

Doch nicht nur auf finanzieller Ebene wird über eine Entfremdung zwischen der Theorie „in Brüssel“ und der Praxis berichtet, auch die fachliche Ebene spielt eine Rolle. Loevenich (2026) setzt EU-Verordnungen in Beziehung zu den deutschen Handwerkern, die das Bild einer technokratischen Elite zeichnet, die dem Handwerk schaden. Wieder das Narrativ: die „EU-Bürokraten“ (Klostermann, 2024) im Kontrast zu den „einfachen Leuten“, seien es Handwerker wie bei Loevenich (2026) oder Zahnarztpraxen wie bei Klostermann (2024). Bei letzterem Artikel ist die Dramatisierung ein entscheidender Faktor: Während die Europäische Chemikalienagentur Ethanol lediglich neu bewertete, zeichnete die Bild ein Szenario des „Blackouts des deutschen Gesundheitswesen“ und konstruiert in dieser möglichen Zukunft die „Lahmlegung“ des Gesundheitswesen. Die Grenze zwischen Neubewertung aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und einem „Beschäftigungsverbot“, das „drohe“, wird nicht klar abgetrennt. Später sollte die Agentur trotz aller Aufregung Ethanol für die bisherige Verwendung weiterhin empfehlen. Die Skandalisierung konstruiert jedoch das Bild der „bürokratischen Übergriffigkeit“, die angeprangert wird.

Bei einer Erweiterung des Blickfeldes auf SZ und FAZ fällt auf, dass auch hier eine gewisses Machtgefälle gezeigt wird. Mussler (2025) setzt Ursula von der Leyen als  Gesicht der Europäischen Kommission in Szene, wenn sie das Artikelbild ist. Auch hier ist eine gewisse Elitenkritik zu verzeichnen, die zwar reformwillig ist, aber „nur ein bisschen“. Der Reformwille, der hier suggeriert wird, ist ein entscheidendes Narrativ und stellt klar, dass die vermeintliche Elite der Bevölkerung entgegenkommen möchte. Dabei wird die Komplexität der Entscheidungen erwähnt, die zwangsläufig in diesem System entsteht. Eine gewisse Undurchsichtigkeit wird durch das Scholz-Zitat trotzdem konstatiert, hier geht die Kritik jedoch auf eine inhaltliche Ebene und erinnert an Vauchez‘ Demokratiedefizit (2017).

Bei der Süddeutschen und Diesteldorf (2026) gilt ähnliches: Von der Leyen wird, aufgrund ihres Amtes als Chefin der EU-Kommission, in den Mittelpunkt gestellt und Politik als das Wechselspiel, was Entscheidungsfindungen beeinflusst. Die Wahlversprechen wurden „in einer anderen Welt“ gemacht, hier wird explizit auf die USA verwiesen. Der Artikel macht die Europäische Union zu einem Akteur, der weniger von oben herab regiert, als dass die Kommission und von der Leyen auf globalpolitische Ereignisse reagieren und im Wechselfeld zwischen zahlreichen Akteuren stehen.

Besonders bei der SZ und FAZ wird die Ambivalenz deutlich, der sich die EU täglich stellen muss. Allein die Komplexität, auf die regelmäßig verwiesen wird, veranschaulicht die Schwierigkeit der Kompromissfindung. Gegenteilig wird auf Seiten der Bild hauptsächlich auf die EU als „elitärer Akteur“ verwiesen, der mit mangelnder Erfahrung in der Praxis überbezahlt regiert. Eine Darstellung der Europäischen Union als politischer Akteur mit internationalen Ambivalenzen existiert in der SZ und der FAZ, die Bild suggeriert lediglich eine Richtung: von oben nach unten.

4.3 Die Komplexität der Europäischen Union

Ein weiteres Narrativ in der Berichterstattung über die Europäische Union betrifft die Darstellung ihrer institutionellen Komplexität. Welche Erklärungen liefern die ausgewählten Medien für Gesetze und Entscheidungen? Hier werden keine neuen Artikel hinzugezogen, vielmehr der Fokus auf die Süddeutsche sowie die Frankfurter Allgemeine gelegt. Die Narrativerzählung der Bild basiert auf einer starken Vereinfachung und die Wiederholung zentraler Deutungsmuster. Die Komplexität der Europäischen Union ist diesen Artikeln zufolge auf die bereits erwähnten Narrative zurückzuführen: Ein bürokratisch überladenes System mit überbezahlten Eurokraten, die durch Regelchaos die arbeitende Bevölkerung gängeln. Eine stärkere Differenzierung findet sich konkret bei Diesteldorf (2025,2026), Geiser & Höra (2025) und Mussler (2025).

Letzterer schreibt von der Komplexität als institutioneller Prozesslogik, also einem Resultat der zahlreichen Institutionen, die an EU-Gesetzen beteiligt sind. Der Vergleich mit einer Hecke („Regelwerk zurückschneiden“) arbeitet die Komplexität in der Hinsicht auf, dass die nach außen sichtbaren Entscheidungen zwar Gesetze sind (im Heckenvergleich würde man vom „Grün“ sprechen), aber diese unmittelbar an Begleitregelungen und Verfahren gekoppelt sind (Ästen und Zweigen) , die auch berücksichtigt werden müssen. Diese zu reformieren, was das Ziel der EU-Kommission ohne Zweifel ist, wird durch die administrative Komplexität erschwert (Mussler, 2025). Die EU ist hierbei Produkt ihrer eigenen Struktur, und die Bürokratie wirkt wie ein selbstverstärkendes System, das in ihrer Verwaltung eine Eigendynamik entwickelt und Reformen erschwert, wie die Passage über EU-Beamte zeigt, die sich „nicht so leicht aus ihren bisherigen bürokratischen Bahnen“ bringen lassen. Der Fokus bei den ausgewählten Artikeln liegt auf der Erklärung der EU über Institutionen und die Koordination ihrer Kompetenzen und zeigt die EU als Mehrebenensystem.

Die Süddeutsche Zeitung orientiert sich stark an dem „System sui generis“, das die EU im Wechselspiel zwischen internationalen Akteuren und den eigenen Mitgliedsstaaten verortet. Bürokratie ist bei Diesteldorf (2026) ein historisches Merkmal politischer Systeme und Teil moderner Verwaltung. Dabei werden die Mitgliedstaaten genauso in Regress gezogen wie EU-Kommission und nationale Regierungen und so das Bild des Mehrebenensystems geschaffen.

Allgemein wird schnell klar, dass sich von den ausgewählten Medien besonders die Bild grundlegend in ihrer Darstellung von komplizierten Entscheidungen unterscheidet. Das liegt einerseits auch am jeweiligen Anspruch des Mediums, führt aber zu einer enormen Differenz gegenüber den Vergleichsbeispielen. Bei FAZ und SZ sind Anspruch und Unterscheidungen feiner. Beide Medien untersuchen die Komplexität der EU und ihren Institutionen differenzierter, hier wird je nach Thema der Fokus auf Institutionen der EU oder die Rolle der einzelnen Länder gelegt. Insgesamt wird die Europäische Union als komplexer polyvalenter Akteur dargestellt, dessen Verwaltung zwangsläufig komplex ist.

5. Theoretische Rückbettung

Die in der Analyse identifizierten Narrative lassen sich auf zentrale Perspektiven der Politikwissenschaft auf die Europäische Union zurückverfolgen. Dabei ist jedoch eine Vereinfachung respektive Selektion einiger theoretischen Deutungen zu beobachten, zudem eine Hervorhebung einiger Aspekte. Die Deutungsmuster unterscheiden sich hauptsächlich von der journalistischen Perspektive und dem Anspruch des jeweiligen Mediums. Die größte Diskrepanz der Analyse zeigte sich in der Kluft zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus.

Dabei zeigte sich das Narrativ der Europäischen Union als Bürokratieapparat vor allem als Vereinfachung der Integrationstheorien und dem daraus bekannten „spill-over“-Effekt. Wenn die Integration der EU fortschreitet und neue Politikfelder erschlossen werden, muss zwangsläufig eine Rechtsgrundlage dafür entstehen und somit mehr Bürokratie. Der von der Bild erwähnte „Gesetze-Rekord“ (Auermann 2026) wird  zwangsläufig in der Zukunft übertroffen werden, weil mehr Bereiche geregelt werden müssen. Hier ist die Darstellung Diesteldorfs (2026) besonders nah an der Theorie des Neofunktionalismus, die den Bürokratieapparat als politische Notwendigkeit darstellt. Hier fällt die Negativität der Berichterstattung seitens der Bild auf.

Das bedeutet nicht, dass die Boulevard-Zeitung ausschließlich negativ und kritisch über die EU berichtet, was besonders das zweite Narrativ erkennbar macht. Die Debatte um das Demokratiedefizit der EU ist auch in den ausgewählten Medien angekommen. Dabei legen Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine den Fokus auf technokratische Elementen und die Wechselwirkung einzelner Akteure, die in einem komplexen System wirken und von vielerlei Richtungen beeinflusst werden. Die Bild hingegen setzt verstärkt auf die Personifizierung und Emotionalisierung gegenüber einzelnen Akteuren, wenn beispielsweise über Gehaltserhöhungen berichtet wird (Hoeren, 2025a).

Das dritte Narrativ der EU als komplexes politisches System entspricht am ehesten der Darstellung von Qualitätsmedien, die so auch in der Politikwissenschaft zu finden sind. Feinheiten liegen hier – abhängig von dem jeweilen Gegenstand der Berichterstattung – lediglich auf der Art und Weise, also ob es die institutionellen Verflechtungen oder die unterschiedlichen Regierungen der Nationen sind, die Einfluss nehmen. Diese prozessorientiere Berichterstattung wird dem Konzept des Mehrebenensystems gerecht, wie es sich in der Politikwissenschaft durchgesetzt hat.

Insgesamt zeigt sich, dass mediale Narrative eng mit Deutungsmustern verbunden sind und stark auf die Charakteristika des jeweiligen Mediums zurückzuführen sind. Boulevardmedien wie die Bild setzen vorwiegend auf emotionale Berichterstattung und Narrative, die Konflikte entfachen und durch Vereinfachungen dramatisieren. Die prozessorientierte Berichterstattung, wie sie Qualitätsmedien wie FAZ und SZ pflegen, findet in der auflagenstärksten Zeitung Deutschlands (Media Ownership Monitor Germany, 2024) nur wenig Platz. 

6. Fazit

Das Ziel dieser Arbeit war die Untersuchung der Narrative über die EU, wie sie von deutschen Medien geschaffen und verwendet werden, und wie die Darstellungen sich zu politikwissenschaftlichen Beschreibungen verhalten. Drei zentrale Narrative lassen sich identifizieren: Die EU als Bürokratieapparat, als elitärer Machtkomplex sowie als komplexes politisches System.

Dabei ist das Bürokratienarrativ in allen Medien präsent, die Interpretation jedoch verschieden. Bei der Bild wird die Bürokratie als überflüssiges Regelwerk dargestellt und durch Dramatisierung sowie Zuspitzung mit Negativität behaftet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung ordnen diese Strukturen als politisches Werkzeug und Merkmal eines politischen System ein, wobei auch hier, wenngleich auch subtil, eine geringere Ausprägung der Bürokratie als erstrebenswert scheint.

Das zweite Narrativ der elitären EU findet hauptsächlich im Boulevard statt. Hier wird vermehrt auf eine Distanz zwischen „Brüssel“ und der Bevölkerung verwiesen, insbesondere wenn von „Eurokraten“ mit hohen Gehältern die Rede ist. Qualitätsmedien greifen Teile dieser Demokratiedefizitsdebatte auf, gewichten jedoch die Relevanz der Teile unterschiedlich.

Besonders fokussieren sich letztere auf die Darstellung des dritten Narrativs: Die EU als komplexes politisches System. Insbesondere der Hintergrund von Entscheidungen als Resultat komplexer institutioneller Verfahren sowie langwierigen Kompromissfindungsprozessen wird in diesen Medien vermittelt, was stärker den politikwissenschaftlichen Beschreibungen entspricht.

Insgesamt sind der wohl größte Faktor dieser Analyse die Medien und deren journalistische Logik. Die Diskrepanz zwischen  Boulevard- und Qualitätsmedien wurde deutlich erkennbar, wobei sich die Differenzierung innerhalb der Qualitätsmedien als schwieriger herausstellte. Hier bedarf es einer tieferen Analyse, die sich speziell mit Qualitätsmedien auseinandersetzt, wobei eine Arbeit wie diese an ihre Grenzen stößt. Dabei scheint vor allem die Skandalisierung und Vereinfachung in einer schnellen Zeit an Relevanz zu gewinnen, während die Reichweite von Qualitätsmedien sinkt.

Daraus ergibt sich, dass mediale Narrative nicht nur bloße Abbildung politischer Realität sind, sondern eigenständige Konstruktionen, die maßgeblich durch journalistische Logiken geprägt sind und die öffentliche Wahrnehmung der EU formen. 

Quellen

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Diesteldorf, J. (2026, 20. Februar). Streit um Haushalt: Neun EU-Länder wenden sich gegen noch mehr Brüsseler Bürokratie. Süddeutsche.de. https://www.sueddeutsche.de/politik/eu-haushalt-von-der-leyen-geld-buerokratie-staaten-li.3390969

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